Krishna und Mirabai

Noch eine weitere Geschichte von Krishna, von einer Verehrerin von Krishna. Das ist jetzt sehr viel später, genaugenommen 4.500 Jahren später. Krishna soll ja jetzt nach Mythologie – kein Mensch weiß, ob sowas wörtlich zu nehmen ist – 3227 v. Chr. gestorben sein. Und dann gab es im indischen Mittelalter eine große Verehrerin von Krishna, die hieß Mirabai. Und als sie ein junges Mädchen war, dort schaute sie aus dem Fenster und da ging so eine Hochzeitsprozession entlang. Und die war ganz großartig und viel Musik und Prunk und alles. Und da fragte sie ihre Mama: „Was ist das?“ Dann erklärte sie das. Dann sagte sie: „Mama, wer wird mein Bräutigam denn sein?“ Und die Mutter sagte: „Das werden wir noch sehen.“ In der damaligen Zeit war es üblich, dass die Eltern den Bräutigam für die Kinder ausgesucht haben und eigentlich schon fast bei der Geburt. Und der Mutter war es so ein bisschen peinlich, dass sie noch keinen geeigneten Bräutigam für die Mira gefunden haben. Und um das nicht zugeben zu müssen, weil das irgendwo peinlich war –  Mira ist davon ausgegangen, dass da längst ein Mann für sie gefunden worden ist, sie wollte jetzt auch mal wissen, wer das ist – und dann sagte die Mutter einfach: „Siehst du hier diesen Krishna? Krishna wird dein Ehemann sein.“ „Krishna selbst mein Ehemann?“ Und sie nahm dann den Krishna vom Altar, also die Murti, nahm den ins Zimmer und machte jeden Tag Puja mit Krishna. Sie gab Krishna zu essen, sie wusch die Füße, machte Abhishekam und lernte dann auch die Mantras und hatte immer mehr das Gefühl, das ist nicht einfach nur eine Marmormurti, sondern das ist lebendig.

Vom modernen psychologischen Standpunkt würde man das mindestens als psychotisch oder sonst einsortieren, aber es gibt im Bhakti auch etwas anderes. Murtis, die man verehrt, werden wie zu Kanälen göttlicher Gnade, göttlichen Segen, sie werden wie lebendig. Das ist jetzt für Menschen, die mit diesem Konzept nicht vertraut sind, und insbesondere für Menschen, die das noch nicht erfahren haben, klingt das schon sehr eigenartig. Und von Krishna gibt es eben viele eigenartigen Geschichten. Aber wer schon mal mit einer solchen Murti regelmäßig meditiert hat, wer vielleicht regelmäßig davor Arati gemacht hat, noch mehr, wer vielleicht Puja gemacht hat, gut, und manche auch einfach, vielleicht hat der ein oder andere mal während dem Mantrasingen mal die Murtis angeschaut und plötzlich gemerkt, dass Krishna im besonderen Maße ihm oder ihr zulächelt. Mehr Menschen geht es sicherlich mit dem Bild von Swami Sivananda so, da westliche Aspiranten mit Bildern von Meistern oft mehr anfangen können als mit Murtis von indischen Göttern. Gut, viele kennen es von ihrem Liebsten, wo vielleicht ein Bild im Portemonnaie mitgeschleppt wird. Wenn man unterwegs ist und dann spürt man sofort, dass da Liebe ist. Von diesen Murtis heißt es aber, dass da tatsächlich eben Licht da ist.

Und so, während Mira diesen Krishna immer verehrte und irgendwann zu einer wunderschönen jungen Frau heranwuchs, dort merkte sie, das war nicht einfach diese Marmormurti, sondern sie spürte immer mehr die göttliche Gegenwart. Und sie sah dann Krishna nicht nur in dieser Marmormurti, sondern wann immer sie Krishna anrief, erschien er ihr. Und sie sah Krishna und sie spürte Krishna und sie fühlte Krishna. Die Eltern hatten aber inzwischen einen Ehemann für sie ausgesucht. Und sie wollte erst niemanden und hat gesagt: „Du hast mir gesagt, ich bin die Frau von Krishna und jetzt willst du mich jemand anderes geben, das kannst du doch nicht machen. Wir sind doch ein Liebespaar.“ Aber die Eltern ließen sich nicht davon abhalten und sie gaben so Mirabai einem Durga-Verehrer aus einem Durga-Haus. Und das gab es anscheinend im alten Indien, sie hatte dann eine Schwiegermutter und die war nicht sehr freundlich gesinnt. Sie wollte nur Durga-Verehrung. Und als dann Mira mit der Krishna-Murti kam und Krishna-Verehrung machen wollte, das war ihr überhaupt nicht recht. Mirabai hatte keine Probleme, Durga auch zu verehren, für sie gab es dort keinen Unterschied, aber ihr besonderer Bezug war eben Krishna. Und so verehrte sie Krishna. Und die Schwiegermutter fand das überhaupt nicht gut und sie verbot ihr, Krishna zu verehren, im Palast zu verehren. Also ging sie mit ihrer Krishna-Murti aus dem Palast raus und fing dann an, zu singen. Inzwischen war sie zu einer wunderbaren Sängerin geworden und Komponistin. Bis heute werden Lieder von Krishna in ganz Indien gesungen und sind mit die schönsten spirituellen Lieder, die es gibt. Und so war sie also außerhalb der Palastmauern und sie sang die Verehrung von Krishna und alle möglichen Bettler kamen und alle möglichen anderen. Und das war jetzt natürlich ein absoluter Skandal. Die Frau eines Prinzen mischt sich mit all diesen Bettlern, alle Kastengrenzen überwunden und die ist dort im Dreck der Straße. Und schließlich sagte dann die Schwiegermutter: „Die müssen wir umbringen.“ Kein sehr kreativer Lösungsvorschlag. Und sie ließ der Mira einen Trank geben, der voller Gift war. Mira brachte diesen Trank, wie sie alles machte, erst Krishna dar. Also, normalerweise alles, was man zu sich nimmt, bringt man erst Gott dar. So wie wir ein kleines Gebet sprechen, so machte sie es. Und weil sie eine so unendliche Hingabe zu Krishna hatte, verwandelte Krishna dieses Gift in Nektar und als sie es trank, wurde nur ihr Strahlen umso größer. Als nächstes wurde ihr eine Kobra gebracht in einem Korb und es hieß, das wäre eine Blumengirlande. Und sie brachte diesen Korb Krishna dar und sagte: „Die Blumengirlande ist nur für dich.“ Und dann öffnete sie den Korb und dort war tatsächlich eine Blumengirlande drin. Die Schlange war transformiert worden in eine Blumengirlande. Und so probierten sie Verschiedenes aus, nichts gelang. Schließlich gab es die schlimmste Sache. Im damaligen Indien war es so üblich, eine Frau musste tun, was ihr Ehemann sagt. Und so überredete die Schwiegermutter ihren Sohn, der eigentlich damit nicht einverstanden war: „Befiehl der Mirabai, sich umzubringen. Da kann Krishna sie nicht mehr retten.“ Und sie nervte ihren Sohn so lange, bis er das schließlich machte. Und sie ging also los mit ihrem Krishna und war bereit, sich jetzt von einer Klippe runter zu stürzen. Und gerade kurz bevor sie dabei war, sich runter zu stürzen, verwandelte sich diese Marmor-Murti in einen lebendigen Krishna und er hielt sie zurück und sagte: „Jetzt ist deine Zeit als Ehefrau von ihm vorbei. Jetzt wird es Zeit, dass du nur mir dienst.“ Und sie sagte: „Aber ich muss doch das Gebot von meinem Mann erfüllen.“ Da sagte Krishna: „Gott ist wichtiger als menschgemachte Regeln.“ Und so ging Mirabai weg, sie folgte Krishna solange sie ihn sehen konnte. Und so durchreise sie ganz Indien, sang ihre wunderbaren Lieder und führte Tausende, wenn nicht Millionen von Menschen in Ekstase und Gottesbewusstsein. Die Geschichte geht auch noch weiter. Irgendwann erfuhr ihr Mann von seiner Frau und er ging zu ihr, verneigte sich vor ihr und wurde ihr Schüler.

Eine Geschichte, die man auf viele Weisen interpretieren kann. Sie ist aus historischer Zeit und es ist relativ wahrscheinlich, dass mindestens ein großer Teil davon so stattgefunden hat, wie es erzählt wird. Es kann in jedem Fall heißen, wenn wir uns Gott zuwenden, dann werden wir vielleicht auch manchmal geprüft. Nicht immer ist es einfach. Es heißt zwar so schön, „strebe zuerst nach dem Königreich Gottes, dann wird dir alles andere von selbst zufallen“, aber auch wenn wir vielleicht in einer modernen Zeit sind, wo es solche verrückten Regeln nicht mehr gibt, auch wenn wir in einer Zeit sind, wo Religionsfreiheit in großem Maße da ist, auch wenn wir in einer Zeit sind, wo Männer Frauen nicht befehlen können, sich umzubringen, oder hoffen können, dass ein Mord ungesühnt bleiben würde, auch wenn wir in vielerlei Hinsicht in einer sehr viel besseren Zeit leben als Mira, gilt es auch, dass wir manchmal Entscheidungen treffen müssen und dass manchmal Schwierigkeiten kommen und dass manchmal diese Treue zum Göttlichen, die Treue zu Gott und die Verehrung zu Gott, manchmal in Versuchung geführt wird. Anderes erscheint einfacher, anderes erscheint verlockender. In der heutigen Zeit kleidet sich das oft nicht nur in materielle Dinge, sondern irgendwelche Herzenssachen, die sich kleiden, als ob das Spirituelle zu einem spricht. Und da müssen wir tief beten und zu Gott beten. Und dann gibt es vielleicht Phasen von Trockenheit und Schwierigkeit, aber nachher gilt das, was Jesus gesagt hat, das, was der Freund von Krishna erfahren hat, was Mira erfahren hat, wenn wir zuerst nach Gott streben, erhalten wir alles, was wir sonst noch brauchen.

 

(unbearbeitete Niederschrift eines Vortrags von Sukadev bei Yoga Vidya Bad Meinberg)

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